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Unsere Artikel • 20th October 2026

Wie war's an der King's School Canterbury, Lilli?

A brunette women with glasses in a black blouse is smiling into the camera Von Nina Slattery

Wie ist es eigentlich wirklich, für eine Zeit an einem britischen Internat zu leben? Dieses Mal berichtet uns Lilli von ihrer Zeit an der King’s School Canterbury, von der sie 2025 nach einem Jahr zurückgekehrt ist. Sie erzählt vom Ankommen, Unterricht und Alltag, von neuen Freundschaften und was das Jahr aus ihr gemacht hat. Außerdem hat sie Tipps für alle, die überlegen, an ein Internat zu gehen.  

Hallo Lilli! Schön, dass du dabei bist. Stell dich bitte selbst kurz vor.

Ich bin Lilli, 18 Jahre alt und wohne in der Nähe von Düsseldorf. Von 2024 bis 2025 habe ich ein Jahr an der King’s School Canterbury verbracht. In meiner Freizeit koche und backe ich sehr gerne, ich lese und jogge und treffe mich mit meinen Freunden.

Wie kamst du auf die Idee, an ein britisches Internat zu gehen?

Ich wollte auf jeden Fall ins Ausland, einfach mal etwas anderes kennenlernen. Außerdem hat mich das Internatsleben sehr interessiert: mit anderen Menschen auf engem Raum zusammenleben und zu lernen und mich als Person weiterzuentwickeln. Gleichzeitig wusste ich von Anfang an, dass ich sehr familiengebunden bin. Ich konnte mir deshalb nicht vorstellen, nach Amerika, Kanada oder Australien zu gehen.

Warum hast du dich für die King’s School Canterbury entschieden? 

Ich war bei Herrn Steinbeis in der Beratung. Ursprünglich war der Plan, dass ich nur sechs Monate gehe. Daraufhin hat er uns einige Internate geschickt, aber auch zu bedenken gegeben, dass es nicht viele Schulen gibt, die Austauschschüler für nur ein oder zwei Trimester aufnehmen. Gleichzeitig hat er sehr von King’s geschwärmt.

Deshalb habe ich mich tatsächlich nur dort beworben und mir keine anderen Schulen mehr angesehen. Ich habe einfach gesagt: Gut, dann nehme ich die jetzt.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass das ziemlich riskant war, weil ich dementsprechend auch nur dort das Entrance Examen gemacht habe. Erst später habe ich mitbekommen, dass es gar nicht so einfach ist, dort aufgenommen zu werden. Das hatte ich damals überhaupt nicht wahrgenommen. Ich glaube aber, es war ganz gut, dass ich so unvoreingenommen war und keine richtige Vorstellung von dieser ganzen Welt hatte. Ich bin einfach frei da reingegangen.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten Tag?

Die Schule hatte für den ersten Tag einen richtigen Tagesplan aufgestellt. Ich bin morgens mit meinen Eltern hingefahren und zuerst ins Boarding House gegangen. Dort habe ich meine Housemistress und einige der anderen Erwachsenen kennengelernt, die im Haus arbeiten.

Dann war ich mit den anderen Mädchen aus meinem Haus zusammen und wir wurden durch die Schule geführt. Die waren alle wirklich sehr offen und haben sofort angefangen, mit mir zu reden: welche A-Levels ich gewählt habe, wo ich wohne und so weiter.

Das hat mir sehr geholfen, denn ich selbst war in dem Moment nicht besonders aktiv. Ich war einfach noch ziemlich überwältigt von all den Gefühlen. Ich hatte gerade meinen Eltern Tschüss gesagt und wusste: Ich sehe sie jetzt drei oder vier Monate nicht wieder. Ich bin hier ganz alleine und kenne eigentlich noch gar nichts.

Aber diese offene Art der anderen Mädchen hat mir sehr geholfen. Deshalb habe ich den ersten Tag gar nicht als besonders schlimm in Erinnerung. Er ging eigentlich unglaublich schnell vorbei.

Wie bist du anfangs mit dem Englischen zurechtgekommen?

Am Anfang habe ich mich manchmal noch etwas unsicher gefühlt. Aber es gab in King’s kaum Deutsche, so dass ich schlicht keine Wahl hatte und Englisch sprechen musste. Sprachlich ist das wahrscheinlich das Beste, was einem passieren kann, weil man sich unglaublich schnell anpasst.

Und wie war es für dich, jeden Tag Schuluniform zu tragen?

Am Anfang habe ich mich damit ein bisschen unwohl gefühlt. Sie ist einfach nicht besonders vorteilhaft geschnitten und die Röcke waren für meinen Geschmack ziemlich lang.

Aber man fühlt sich sofort richtig angezogen und irgendwie auch direkt in einem Lernmodus. Außerdem muss man sich morgens überhaupt keine Gedanken darüber machen, was man anzieht. Das ist wirklich ein großer Vorteil.

Und alle sehen gleich aus. Dadurch geht man viel unvoreingenommener miteinander um. Sozial gesehen finde ich die Uniform deshalb einen großen Vorteil. Und letztendlich fand ich sie auch gar nicht so unästhetisch. Vor allem war sie sehr praktisch.

Lass uns über Schule und Unterricht sprechen. Wie lief es da?

Dazu muss ich erstmal sagen, welche A-Levels ich belegt habe. Ich hatte Französisch, da war natürlich nicht besonders viel Englisch nötig. Dann Mathe, wo die Kommunikation ebenfalls relativ begrenzt war, und Geschichte.

Mathe und Geschichte waren die beiden Fächer, in denen ich sprachlich und fachlich manchmal an meine Grenzen gekommen bin. Mathe hatte ich eigentlich gewählt, weil ich dachte: Das müsste doch machbar sein. Da geht es schließlich nicht ums Reden, sondern ums Rechnen. Aber die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem englischen System waren viel größer, als ich erwartet hatte.

Hast du Unterstützung bekommen?

Ja, es gab sehr viele Ansprechpartner. Wir hatten zum Beispiel Tutor-Stunden. Dort saß ich mit den Mädchen aus meinem Boarding House und meinem Jahrgang mit einem Lehrer zusammen, der uns Tipps gegeben und geholfen hat.

Außerdem haben wir jeden Abend Hausaufgaben gemacht. Wenn ich Fragen hatte, konnte ich zu dem jeweiligen Lehrer gehen, der an diesem Abend in unserem Haus war. Auch meine Freundinnen haben mir geholfen. Ansprechpartner gab es also genug.

Mathe war trotzdem ein Fach, an dem ich nicht viel Spaß hatte. Im Nachhinein hätte ich wahrscheinlich lieber etwas anderes gewählt.

In Geschichte war es anders. Im Unterricht selbst, beim Zuhören und Mitarbeiten, kam ich eigentlich sehr gut klar. Was ich vorher überhaupt nicht kannte, waren Essays. So etwas macht man in Deutschland in dieser Form nicht. Es war für mich wirklich schwierig, da hineinzukommen und auch sprachlich aufzuholen.

Mit der Zeit habe ich es geschafft, aber gerade am Anfang gab es Situationen, in denen ich sehr überfordert war und an mir selbst gezweifelt habe. Ich glaube, es ist auch eine Wunschvorstellung zu denken, dass man einfach in ein anderes Schulsystem wechseln kann, ohne irgendwelche Hürden zu erleben.

Hattest du einen Moment, als es akademisch einfacher wurde?

In Französisch kam ich von Anfang an super klar. Da gab es überhaupt keine Probleme. Mathe dagegen blieb bis zum Ende schwierig. Ich kam mit dem Teaching Style und dem Aufbau einfach nicht richtig zurecht.

In Geschichte kam dieser Moment im zweiten Term. Da habe ich ein Essay geschrieben, das wirklich gut war. Darauf war ich richtig stolz, und mein Lehrer hat mir gratuliert und sich mit mir gefreut.

Im dritten Term habe ich dann in einem Teil des Geschichtskurses das Examen geschrieben, und das lief ebenfalls sehr gut. Es hat mir sogar richtig Spaß gemacht. Das waren Momente, in denen ich wirklich stolz auf mich war und gemerkt habe, dass ich mich akademisch weiterentwickelt habe. 

Wie sah eine ganz normale Unterrichtsstunde aus?

Wir waren sehr wenig Schüler, meistens nicht mehr als zehn. Wie der Unterricht aussah, hing sehr vom Fach ab. Französisch war ziemlich spielerisch: viel sprechen, Spiele spielen, Vokabeln lernen und Dokumentationen schauen.

Geschichte war ebenfalls abwechslungsreich. Ich hatte zwei verschiedene Kurse. In einem saßen wir in U-Form und der Lehrer hat uns teilweise die ganze Stunde Geschichten erzählt. Ich weiß noch, dass wir in der ersten Stunde alle die Augen schließen sollten und er uns dann richtig in das Thema hineingeführt hat. Das war fast so, als würde man eine Geschichtsdokumentation live erleben.

Im anderen Geschichtskurs haben wir viel gelesen und diskutiert. Das hat mir ebenfalls sehr viel Spaß gemacht. Und in Mathe haben wir einfach sehr viel gerechnet und geübt.

Dadurch, dass die Lerngruppen so klein waren, hat man in einer Stunde unglaublich viel geschafft. Man konnte als Kurs viel diskutieren und miteinander sprechen. Es waren eigentlich immer sehr konzentrierte Stunden.

Gab es viele Hausaufgaben?

Wir hatten jeden Abend nach dem Abendessen Prep Time (Hausaufgaben-Zeit), ungefähr bis 21 Uhr. Natürlich konnte man Aufgaben auch zwischendurch erledigen, aber teilweise war es wirklich viel.

Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, dass ich etwas anders damit umgegangen wäre. Ich habe alles sehr ernst genommen, obwohl ich in England ja gar nicht meinen Abschluss gemacht habe. Vielleicht hätte ich meine Zeit manchmal produktiver für mich nutzen können, indem ich gezielt bestimmte Aufgaben mache oder auch einfach einmal sage: Ich bin jetzt erschöpft, ich kann nicht mehr.

Stattdessen habe ich mich dem System komplett gewidmet. Ich saß oft lange an meinen Aufgaben und war manchmal auch verzweifelt. Aber letztendlich habe ich dadurch unglaublich viel gelernt.

Das heißt nicht, dass ich keine Zeit für andere Dinge hatte oder nicht auch wahnsinnig viel Spaß hatte. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es akademisch nicht herausfordernd gewesen wäre.

Wie sah das Leben nach dem Unterricht aus? Welche Sportarten und Aktivitäten hast du ausprobiert?

Im ersten Term habe ich Lacrosse gespielt. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht unbedingt die Person bin, die besonders gut mit Ballsportarten zurechtkommt. Aber mit meinen Freundinnen hat es trotzdem viel Spaß gemacht. Ich hatte ja auch nicht den Anspruch, darin die Beste zu werden. Es war einfach lustig, etwas völlig Neues auszuprobieren. Ich kannte die Sportart vorher tatsächlich gar nicht.

Im zweiten und dritten Term habe ich Cross-Country gemacht, also Joggen. Das hat mir richtig viel Spaß gemacht. Eine meiner engen Freundinnen war auch dabei und es war deutlich entspannter. Wir haben uns jeden Nachmittag getroffen und sind eine Runde gelaufen.

Teilweise sind wir am Wochenende an die Küste gefahren und haben dort längere Küstenläufe gemacht. Dadurch habe ich tatsächlich meine Freude am Laufen entdeckt. Ich mache es heute immer noch.

Im dritten Term habe ich außerdem getanzt. Unsere Schule veranstaltet jedes Jahr die King’s Week, eine ganze Woche voller Aufführungen und Veranstaltungen. Dazu gehört auch eine große Tanzaufführung, bei der ich mitgemacht habe.

Was war das für eine Aufführung?

Das Thema war „Musical Legends“ mit viel Michael Jackson, aber auch klassische Musik. Es gab eine Mischung aus Ballett, Hip-Hop und Jazz. Das war eine längere Vorstellung mit Kostümen und allem Drum und Dran. Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht.

Hättest du bei so etwas auch an deiner Schule in Deutschland mitgemacht?

Nein, auf gar keinen Fall.

Was war an der King’s School anders?

Wenn so eine Tanzaufführung an meiner Schule hier angeboten würde, würden wahrscheinlich kaum Leute mitmachen. In Canterbury sind unglaublich viele Menschen, die engagiert und interessiert sind und aus sich herauskommen. Sie überlegen sich ständig neue Sachen. Ich konnte ganz neue Dinge ausprobieren, ohne das Gefühl zu haben, dass das irgendwie komisch ist oder dass ich fehl am Platz bin. Das vermisse ich wirklich. In so einer Gemeinschaft zu sein, erfüllt einen richtig.

Wie hast du Freunde gefunden?

Meine engsten Freundinnen waren hauptsächlich die Mädchen aus meinem Boarding House, einfach weil ich mit ihnen am meisten Kontakt hatte und wir viel zusammen machen konnten. Vor allem natürlich die Mädchen aus meinem Jahrgang. Dazu kamen noch zwei Freundinnen aus meinem Unterricht.

In meiner Freundesgruppe waren ganz unterschiedliche Menschen, nicht nur von der Herkunft, sondern auch von unseren Persönlichkeiten. Trotzdem hat es als Gruppe wirklich sehr gut gepasst. Ich habe immer noch mit allen Kontakt.

Woher kamen deine Freunde?

Meine wahrscheinlich beste Freundin ist Engländerin. Eine Freundin kommt aus Hongkong, eine aus Nigeria, eine hat einen englisch-französischen Hintergrund, eine kommt aus Russland und eine aus der Ukraine.

Wie war das Leben im Boarding House?

Ich hatte vorher richtig Angst davor, mein Zimmer teilen zu müssen, weil ich zuhause mein eigenes Zimmer hatte und mir meine Privatsphäre sehr wichtig ist. Aber letztendlich fand ich es richtig toll, ein Zimmer zu teilen. Jedes Trimester habe ich in einem anderen Zimmer gewohnt und war jedes Mal mit einem anderen Mädchen zusammen. Mit meiner ersten Zimmernachbarin bin ich gut klargekommen und mit den beiden danach habe ich mich sehr angefreundet.

Die Bäder haben wir uns geteilt. Das konnte mit so vielen Mädchen in einem Haus manchmal etwas anstrengend sein. Auch die Lautstärke war manchmal ein Thema. Aber insgesamt habe ich es genossen, mit meinen Freundinnen zusammenzuwohnen und Teil dieses Hauses zu sein.

Es gab viele House Activities. Eine war der House Song. Wir haben alle zusammen einen Klassiker aus den 70er Jahren eingeübt. A capella, also ohne Instrumente und dann haben wir gegen die anderen Boarding-Häuser gesungen. Das war ziemlich cool.

Auch beim Cross-Country sind die Häuser als Teams gegeneinander angetreten. Diese Konkurrenz zwischen den Häusern wurde an der Schule sehr gepflegt. Das hat Spaß gemacht.

Wie sah ein typisches Wochenende bei dir aus?

Samstags hatten wir erst kurz Unterricht. Danach gab es Games, also unsere Sportaktivitäten. Nachmittags hatten wir frei. Dann bin ich zum Beispiel in die Stadt gegangen, habe gekocht oder einfach etwas mit meinen Freundinnen gemacht.

Ich wurde auch ein paar Mal von meiner Freundin nach Hause eingeladen. Dann war ich bei ihr in London. Das war total schön. Ich habe London richtig lieben gelernt.

Seid ihr auch mal über die Stränge geschlagen?

Klar. Wenn wir zum Beispiel ein Formal Dinner hatten, etwa das Christmas Dinner, haben wir uns natürlich nicht unbedingt daran gehalten, nur ein Glas Sekt zu trinken. Aber ich habe mich persönlich gar nicht so eingeschränkt gefühlt, dass ich das Bedürfnis gehabt hätte, irgendwelche Regeln zu brechen.

Ärger habe ich einmal bekommen, weil ich mir die Fingernägel rot lackiert hatte. Ich habe noch versucht, meine Nägel hinter meinem Buch zu verstecken, aber das hat nicht besonders gut funktioniert. Ich musste den Nagellack dann auf der Stelle entfernen. Das fand ich ziemlich nervig. Ich musste ihn abmachen und damit war die Sache erledigt.

Wie war dein Verhältnis zu den Houseparents?

Meine Housemistress hat versucht, jeden von uns ein bisschen kennenzulernen, aber sie hielt sich im Hintergrund, weil sie auch noch Lehrerin war und zwei kleine Kinder hatte.

Ich fand es schön, dass sie abends immer ein paar nette Worte gefunden hat. Sie war nicht unbedingt die herzlichste Person, aber sie war jemand, mit dem man reden konnte und der sich zuverlässig um Dinge gekümmert hat. Wenn ich etwas Organisatorisches oder generell etwas brauchte, war sie immer da.

Sehr gut verstanden habe ich mich auch mit meinen Tutoren, die unserem Haus zugeteilt waren. Sie haben dort nicht gewohnt, waren aber oft bei uns.

Gab es auch einen Ansprechpartner, wenn du mal einen schlechten Tag hattest?

Wenn es einem nicht gut ging, haben die Leute im Haus das auf jeden Fall gemerkt und versucht, mit dir zu reden oder dich zu unterstützen.

Gerade am Anfang bin ich öfter zu meiner Housemistress gegangen und habe gesagt, dass ich total überfordert bin. Damals hatte ich noch ein viertes A-Level. Sie hat irgendwann gesagt: „Das lässt du jetzt einfach, du machst nur noch die drei anderen.“ Sie hat auch mit meinen Lehrern gesprochen und ihnen erklärt, dass es mir gerade nicht so gut geht und ich etwas weniger Hausaufgaben bekommen sollte, damit ich mich mehr um mich selbst kümmern konnte.

Außerdem gab es unsere Matron, die sich um Medikamente gekümmert hat. Wenn ich Kopfschmerzen hatte oder etwas anderes war, bin ich zu ihr gegangen und sie hat sich immer gekümmert.

Insgesamt wurde wirklich sehr gut für uns gesorgt.

Gab es auch mal Konflikte?

Innerhalb unseres Hauses gab es natürlich manchmal Konflikte. Ein Haus voller Mädchen mit einer gemeinsam genutzten Küche und verschiedenen Altersgruppen - da ist klar, dass es gelegentlich Streit gibt.

Man konnte sich zum Beispiel selbst Essen kaufen und in der Küche lagern. Man schrieb seinen Namen darauf, aber trotzdem kam es immer mal wieder vor, dass Sachen verschwanden. Gerade beim Essen ist das natürlich ärgerlich.

Solche kleineren Konflikte haben wir meistens innerhalb der Gruppe geregelt. Manchmal hat auch unsere Housemistress eingegriffen. Bei den abendlichen Rollcalls (Anwesenheits-Checks) gab es deshalb immer wieder kleine Ansprachen. Ihre Rolle war schon ziemlich pädagogisch und erzieherisch.

Größere Konflikte hatte ich eigentlich nicht. Was ich aber mitbekommen habe, ist, dass die Schule sehr viele Möglichkeiten angeboten hat, über Probleme zu sprechen. Es gab zum Beispiel einen Wellbeing Hub und regelmäßig Umfragen dazu, wie es gerade läuft, was verändert oder verbessert werden könnte.

Dadurch gab es wahrscheinlich auch gar nicht so viel Raum dafür, dass Konflikte groß wurden. Meistens waren es diese alltäglichen zwischenmenschlichen Kleinigkeiten, die man eben miteinander regeln musste.

Du hast gerade das Essen erwähnt. Wie hat es dir geschmeckt?

Mein größtes Problem war tatsächlich das Frühstück, weil mir dieses typische English Breakfast überhaupt nicht geschmeckt hat. Das Frühstück hat mir deshalb nicht besonders gut gefallen.

Beim Mittag- und Abendessen gab es hingegen ziemlich viel Auswahl: Fleisch, vegetarische Gerichte und eine Salad Bar. Natürlich war die Qualität nicht so wie zu Hause, aber man konnte sich gut daran gewöhnen.

Und wir konnten auch selbst kochen. Man konnte im Supermarkt einkaufen, die Sachen in der Küche lagern und dort zubereiten. Am Wochenende durfte man außerdem Essen bestellen oder in Canterbury Essen gehen. Man war also relativ flexibel.

Das Mittagessen fand ich meistens wirklich gut, manche Abendessen weniger. Aber nach allem, was ich auch von anderen gehört habe, würde ich sagen, dass die Schule eine ziemlich gute Kantine hatte.

Wie komfortabel war dein Boarding House?

Viele der Boarding-Houses in King’s sind alt und manche denkmalgeschützt. Von außen sehen sie unglaublich beeindruckend aus, von innen war unser Haus nicht so schön. Ich hatte sehr einfache Fenster. Kalt wurde es aber trotzdem nie und die Zimmer waren okay. Meine waren immer groß.

Manche Boarding-Houses waren moderner, und was ich interessant fand: Wenn Schüler bei King’s ihren Abschluss machen, endet die Verbindung zur Schule häufig nicht. Viele bleiben Teil dieser Community und unterstützen die Schule später finanziell. Teilweise werden dadurch auch Boarding Houses finanziert, sodass manche moderner oder besser ausgestattet sind.

Ich war dafür im ältesten Haus. Und das hatte auch etwas.

Hattest du auch mal einen Tiefpunkt?

Ja, ich glaube, der war wirklich am Anfang. In den ersten Wochen hatte ich teilweise das Gefühl: Wie soll ich hier jemals Spaß haben? Ich habe mich sehr gefangen gefühlt und war überfordert.

Ich wusste nicht, ob ich wirklich enge Freunde finden würde. Das war auf jeden Fall ein Tiefpunkt.

Und dann gab es Phasen, in denen ich wegen des Arbeitsvolumens wirklich sehr gestresst war.

Was würdest du anders machen, wenn du morgen deinen Internatsaufenthalt nochmal beginnen könntest?

Ich würde viel offener auf die Menschen zugehen, von Anfang an aktiver sein und mich mehr reinhängen.

Und ich würde mir nicht mehr so viel Stress wegen Hausaufgaben und Schulaufgaben machen. Vielleicht würde ich auch andere Fächer wählen. Mathe würde ich auf jeden Fall nicht noch einmal nehmen!

Das sind wahrscheinlich die wichtigsten Dinge, die ich anders machen würde.

Wie hat dich dieses Jahr verändert?

Ich bin auf jeden Fall viel selbstbewusster geworden, spontaner und abenteuerlustiger. Ich mache heute Dinge und traue mich Sachen, die ich vorher nicht gemacht hätte.

Zum Beispiel?

Eigentlich merkt man es an meinem ganzen Verhalten. Ich melde mich eher für Dinge und probiere mehr aus.

Vor Kurzem habe ich zum Beispiel bei uns im Ort im Rahmen eines Gedenktages eine Rede gehalten. So etwas hätte ich früher niemals gemacht. Da hätte ich sofort gesagt: Nein, das ist mir zu viel, das traue ich mich nicht.

Ich bin einfach offener und aktiver geworden und rede mehr mit Menschen. Gleichzeitig haben sich meine Interessen stärker gefestigt. Ich brenne heute mehr für bestimmte Dinge als vorher.

Das Jahr hat mir auch geholfen herauszufinden, was ich für meine Zukunft möchte.

Haben sich deine Zukunftspläne während der Zeit in Canterbury verändert?

Nicht stark. Ich wusste schon vorher, dass mich geschichtliche, gesellschaftliche und politische Themen interessieren.

Aber in England habe ich zum Beispiel an einer MUN teilgenommen, also an einer Simulation einer UN-Konferenz für junge Menschen. Jeder repräsentiert dabei ein Land in einem bestimmten Gremium. Bei mir wurde das Arctic Council simuliert. Wir haben uns damit beschäftigt, wie verschiedene Staaten diesen Lebensraum nutzen, Konflikte lösen, mit Klimafragen umgehen und die indigene Bevölkerung einbeziehen können. Das war spannend.

Auch Geschichte hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Ich habe das Fach jetzt in Deutschland als Leistungskurs gewählt.

Und ich habe gemerkt, wie gut mir diese kleinen Lerngruppen tun. Deshalb würde ich später auch versuchen, eine Universität zu finden, die so etwas anbietet und ebenfalls viel in kleinen Gruppen arbeitet.

Bist du froh, dass du dich damals für ein ganzes Jahr entschieden hast?

Ja, am Ende habe ich das Jahr unglaublich genossen. Deshalb finde ich es im Nachhinein auch so wichtig, dass ich tatsächlich so lange geblieben bin. Wenn man nur ein oder zwei Trimester bleibt, hat man eigentlich gar nicht die Möglichkeit, die Erfahrung richtig auszuschöpfen.

Wenn ich nach dem zweiten Trimester hätte nach Hause fahren müssen, hätte ich das sehr bereut. Deshalb kann ich jedem nur empfehlen: Auch wenn man am Anfang denkt, sechs Monate wären viel besser, weil ein ganzes Jahr so lang klingt: macht das Jahr. Ich bin sehr froh, dass ich damals auf den Rat von Herrn Steinbeis gehört und mich dafür entschieden habe.

Wenn du heute zurückblickst: Was war dein schönster Moment?

Einen einzelnen Moment finde ich schwierig zu benennen. Im letzten Trimester fand ich zum Beispiel die Momente wunderschön, in denen ich einfach mit meiner besten Freundin im Zimmer saß und wir geredet haben.

Auch Momente im Unterricht, in denen ich etwas richtig Gutes beitragen konnte, haben mich immer sehr erfüllt.

In den letzten Tagen haben wir ein Abschlusspicknick organisiert. Da habe ich mich noch einmal richtig aufgenommen gefühlt und gemerkt, was für tolle Freunde ich dort gefunden habe. Und dass es eben nicht so ist: Ich gehe jetzt und alles ist vorbei. Ich habe immer noch Kontakt zu allen und sehe sie regelmäßig.

Was würdest du jemandem raten, der vor der Entscheidung steht, an ein britisches Internat zu gehen?

Als Erstes: Versuch, so viele Menschen wie möglich kennenzulernen. Sei offen gegenüber anderen und hab keine Angst. 

Versuche, so viel wie möglich auszuprobieren. Gerade wenn man aus Deutschland kommt, wird man wahrscheinlich nicht noch einmal so schnell an einen Ort kommen, an dem einem so viele erstklassige Möglichkeiten geboten werden wie an solchen Schulen.

Und ich würde beim Packen Dinge mitnehmen, die helfen, aus dem Zimmer einen Ort zu machen, an dem ich mich wirklich wohlfühlen kann. Ich hatte zwei Kuscheltiere dabei, meine Lieblingsbettwäsche und ganz viele kleine Fotos und Postkarten.

Vielen Dank, Lilli, für diese wunderbaren Antworten, die uns einen tiefen Einblick in dein Leben an der King’s School gegeben haben. Alles Gute für deine Zukunft.

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