A circular stained-glass dome in blue and green spans a large interior space.
School Visit

Unsere Artikel • 28th October 2026

Sidcot School – zwischen Pferden, Kunst und starken Werten

A brunette women with glasses in a black blouse is smiling into the camera Von Nina Slattery

Intro

Silberne Sneaker und orange Fingernägel an einem britischen Internat? Das hätten Sie nicht erwartet, oder? Wir auch nicht, als wir vor einiger Zeit die Sidcot School südwestlich von Bristol besuchten und uns einige Sixth Form Schüler in lässiger Kleidung begegneten. Was auf den ersten Blick wie eine schrille Schule voller Freigeister wirkte, entpuppte sich während unseres Besuchs als das komplette Gegenteil. Sidcot ist nämlich nicht nur eine Schule, in der besonders der künstlerische Ausdruck gefördert wird, Sidcot ist auch eine Quäkerschule.

Werte, die den Unterschied machen

Was das für den Schulalltag bedeutet und wodurch sich Quäkerschulen von anderen britischen Internaten unterscheiden, erfuhren wir wenig später im Gespräch mit Headmaster James Jones. Er erzählte uns, wie Gleichberechtigung, eine gute Gemeinschaft und Aufrichtigkeit in den Grundwerten der Schule verankert seien. Hinzu kommt, dass Sidcot seit zehn Jahren eine sogenannte „Changemaker School“ ist, in der Verantwortung, eigene Ideen und das Anstoßen von Veränderungen vorgelebt werden. Zusammen ist das ein ziemlich starkes Wertegerüst und wir waren gespannt zu sehen, wie es umgesetzt wird.

Mit Fidelia und John unterwegs

Einen guten Eindruck davon bekamen wir, als wir im Anschluss mit Fidelia und John, unseren Tourguides, durch die Schule liefen. Entspannt, unbefangen und mit einem freundlichen Selbstvertrauen plauderten die beiden Oberstufenschüler auf Deutsch und Englisch über ihren Schulalltag, führten uns durch Boardinghäuser, Cafeteria und Unterrichtsgebäude und zeigten uns ein umtriebiges Kunst-Atelier. Zuletzt sahen wir noch die Reitanlagen, wo John nur trocken und mit einem Lächeln kommentierte „The Germans and their horses!“ Da scheint es eine enge Verbindung zu geben.

Wer einmal hier ist, der bleibt

Wie das Leben außerhalb des Unterrichts aussieht, erfuhren wir dann von Ailsa, der Koordinatorin für Internationales, die uns einen Einblick in den Boarding-Alltag gab. Und zu guter Letzt ging es mit dem gesamten Admissions-Team zur Schlacht am kalten Buffet. Die Admissions-Ladies gehören übrigens zu den Menschen, die Sidcot besser kennen als jedes Schulprospekt. Eine von ihnen arbeitet seit 23 Jahren an der Schule. Ihr Kommentar dazu: „Wer einmal hier ist, der bleibt.“

Und offenbar gilt das nicht nur fürs Personal. Auch einige unserer Schülerinnen und Schüler kamen ursprünglich für einen Term an das Internat und verlängerten dann auf zwei, drei oder blieben sogar noch länger.

Sidcot ist also eine Schule, bei der es sich lohnt, etwas genauer hinzusehen. Kommen Sie mit!

 

Die Lage

Das Internat liegt im schönen Somerset, einer dieser britischen Grafschaften, die mit ihren sanften grünen Hügeln, Hecken, Schafen und kleinen Dörfern absolutes Postkarten-Potenzial haben. Für uns bedeutete das: drei Stunden Anreise mit dem Zug aus London über Bath mit Umstieg in Bristol – zwei quirlige Universitätsstädte, die nicht weit entfernt von der Schule liegen und daher häufig Ziel für Ausflüge sind.

Viele Wege führen nach Sidcot

Wer fliegt, kann mit etwas Glück den internationalen Flughafen Bristol ansteuern, der nur 15 Kilometer von der Schule entfernt liegt. Leider bedeutet „international“, dass nur einige ausgewählte Flugrouten nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz angeboten werden. Also: vorher gut checken. Alternativ bietet die Schule aber einen Transfer zum Flughafen London Heathrow an, sodass die Anreise auch darüber gut in zwei Stunden zu regeln ist.

Das Internat mit seinen 455 Schülerinnen und Schülern in der Senior School liegt ländlich am Rande von Winscombe, einem etwas unscheinbaren Ort mit zwei Supermärkten, einer Drogerie und einem Café. Ja, wir bleiben dabei: Ein Supermarkt ist unerlässlich für das Glück von Internatsschülern! Und wenn er dann noch zu Fuß erreichbar ist wie in Sidcot, ist das auf jeden Fall ein Pluspunkt.

Ein Campus mit Charakter

Während andere britische Internate hinter hohen Mauern und ehrwürdigen Fassaden verschwinden, gibt sich Sidcot offen und zugleich zurückhaltend. Das schlichte weiße Hauptgebäude mit Sprossenfenstern wirkt traditionsreich, aber unprätentiös und wurde 1808 bereits als Quäkerschule erbaut. Und obwohl es auf einem stattlichen 160 Acres großen Parkgelände liegt, was ungefähr zwei Mal der Größe des Oktoberfestgeländes entspricht, liegen die meisten Boarding-Houses und Unterrichtsgebäude nah beieinander, so dass wir das Gefühl von einem kompakten Campus hatten, der besonders an Regentagen seine Vorteile bietet.

Entsprechend viel Platz bleibt für die Sportanlagen übrig: ein 25-Meter-Hallenbad, eine große Sporthalle, vier Tennisplätze, einen Hockey-Kunstrasenplatz und einen für Rugby und Fußball sowie weitläufige Rasenplätze liegen auf dem Gelände. Die Anlagen sind alle solide in Schuss, dennoch ist Sidcot kein klassisches Sportinternat!

Ein Paradies für Pferdefans

Was sportlich allerdings heraussticht ist das Equestrian Center. Neben dem großen Flutlicht-Reitplatz, den wir uns ansahen, ist es natürlich fantastisch, die wunderschöne Landschaft Somersets zum Ausreiten zu nutzen. Und nicht nur unsere Reitexpertin im Team, Dorothee Hawkins, war von der Ausstattung überzeugt, auch einige unserer Schülerinnen haben ihren Aufenthalt in Sidcot verlängert und sogar ihre eigenen Pferde rübergeholt.

Kunst auf Schritt und Tritt

Was der Schule außen an Pomp fehlen mag, wird innen eindrucksvoll wettgemacht. „Alles, was ihr in Sidcot an Kunst seht, ist von Schülerinnen oder Schülern produziert worden“, erklärte uns Ailsa. Die Flure hingen voller Bilder, Objekte, selbstentworfener Kleider und Installationen. Das wohl eindrucksvollste Kunstobjekt entdeckten wir in der Trevelyan Bibliothek: Durch eine etwa drei Meter große Glaskuppel in der Decke fiel buntes Licht auf die Regale und Tische. „Die Glaskuppel haben Schüler gemacht“, kommentierte John und man merkte ihm seinen Stolz darüber an, dass man in Sidcot künstlerisch auf einem so hohen Niveau arbeitet.

Die Bibliothek selbst ist neben den Boarding Häusern einer der Orte, an denen man gerne bleiben möchte: warm eingerichtet, modern, groß und angenehm ruhig. Im oberen Stockwerk gibt es zusätzliche Räume für Schüler, die zu zweit arbeiten wollen, und kleine Kabinen für alle, die sich zum Lernen komplett von der Welt abschotten möchten.

Direkt dahinter liegt das Sixth Form Center der Oberstufe. Es ist ein Beispiel dafür, wie die „Changemaker“ Werte im Alltag umgesetzt werden: Bei der Entwicklung des Bereichs haben die Schüler mitentschieden. Dementsprechend bietet es auch alles, was man braucht, um Freistunden entspannt zu verbringen: vom Kicker bis zu gemütlichen Sitzecken und Lernbereichen. Fidelia fühlt sich hier wohl: „Wir verstehen uns so gut als Stufe, dass wir viel Zeit miteinander verbringen und sogar abends zusammen essen.“

Gutes Essen mit Mitspracherecht

Und wie wir selbst kurze Zeit später feststellen konnten, war das Essen im offenen und hellen Speisesaal wirklich lecker. „Das liegt daran, dass wir ein Komitee mit Schülerbeteiligung haben und so an der Entwicklung des Speiseplans beteiligt waren“, erklärte uns John. Dafür gibt es erstaunlich viel Gemüse und Salat auf dem Speiseplan. Wer sich eher für Pizza und Snacks interessiert, geht ins anliegende Café, das einladend eingerichtet ist und in dem Schüler mitarbeiten können. Ein guter Job, meint Fidelia. Schließlich sei man an der Quelle und man bekäme auch noch etwas Geld dafür.

Was macht Sidcot – aus unserer Sicht – besonders?

Die Quäkertradition ist auf jeden Fall ein Unterscheidungsmerkmal und bei unserem Besuch sind uns freundliche Bodenständigkeit, soziales Engagement und Respekt aufgefallen.

Zudem bietet Sidcot die Möglichkeit an, das Internatsleben auszutesten: Schülerinnen und Schüler können sich für einen halben Term einschreiben, um herauszufinden, ob ihnen das Internat und vor allem die Reitmöglichkeiten zusagen. Denn das ist wirklich ein besonderer Punkt: Mit dem eigenen Pferd ins Internat zu kommen und es direkt auf dem Campus unterzustellen, ist selbst unter britischen Boarding Schools nicht alltäglich. Für Kinder, die ohne Pferd und besonders für einen kurzen Zeitraum kommen und intensiver reiten möchten, ist es perfekt.

Zudem sollte man Sidcot auf die Shortlist setzen, wenn man sich künstlerisch entfalten möchte. Die Ateliers, die Qualität und die Menge der ausgestellten Arbeiten sprachen für sich.

Und schließlich liegt Sidcot im Bereich „student satisfaction“ bei uns weit vorn. Alle von uns vermittelten Studenten haben im letzten Jahr ihren Aufenthalt verlängert! Die Gründe sind sicherlich verschieden. Doch John brachte es bei unserem Besuch auf den Punkt: „Einer der Gründe, warum man an diese Schule geht, ist auf jeden Fall die Gemeinschaft.“

Das Akademische

Bevor wir zu den aktuellen Resultaten kommen, lassen Sie uns einen kurzen Umweg machen. Denn wenn es ums Akademische geht, stehen die meisten britischen Internate alle im großen Wettbewerb zueinander und suchen nach den besten Strategien, um Schülerinnen und Schüler möglichst gut zu fördern. Schließlich zahlen gute Abschlussnoten auch auf die zukünftige Nachfrage einer Schule ein. Dafür werden Technologien, moderne Klassenräume, Tutoren und Nachhilfe, unterschiedlichste Fächer und Lernmethoden ausprobiert und angeboten. Zurecht.

Ein Aspekt, der beim Lernen leicht vergessen wird, ist das Gefühl von Sicherheit: Wer sich bei seinen Klassenkameraden und Lehrern aufgehoben fühlt, traut sich mehr zu, wird aktiver am Unterricht teilnehmen und damit auch mehr lernen und über sich hinauswachsen. Direktor James Jones erzählt, dass in Sidcot ein unkomplizierter Umgang zwischen Schülern und Lehrern herrsche und die Erziehung offener als an vielen Schulen, gleichzeitig aber von Respekt geprägt sei.

Besonders spürbar wird das auch bei den wöchentlichen Assemblies. „Sie beginnen in Stille und manchmal gibt es einen kleinen Impuls, zum Beispiel einen Spruch wie „stand up for friends“. Wer möchte, kann aufstehen und seine Gedanken mit den anderen teilen, wer nichts sagen möchte, schweigt einfach“, so James Jones. Er und andere Lehrer sitzt dabei zwischen den Schülern – auf Augenhöhe.

Gute Ergebnisse ohne Hochleistungsdruck

Dementsprechend findet man an der Schule auch nicht den akademischen Hochleistungsdruck anderer Hothouses. Sidcot gehört nicht zu den Internaten, die ihre Schüler schon bei der Aufnahme nach Noten vorsortieren und anschließend mit beeindruckenden Examensstatistiken glänzen. Die Schule nimmt Schüler mit sehr unterschiedlichen akademischen Voraussetzungen auf. Umso ordentlicher sind die Ergebnisse: 2025 lagen 29 Prozent der GCSE-Noten bei 9–7, bei den A-Levels erreichten 32 Prozent A*/A und 55 Prozent A*–B. Beim International Baccalaureate kam Sidcot auf durchschnittlich 33 Punkte und lag damit über dem weltweiten Durchschnitt von 30,9.

Kleine Klassen, persönliche Unterstützung

Natürlich kümmert sich Sidcot auch um Lernstrategien und versucht, das Beste aus den Schülern herauszuholen. In der Sixth Form sitzen durchschnittlich zehn Schüler in einem Kurs. Dazu kommen täglich 15 Minuten in einer Tutor Group und wenn es sein muss, gibt es zusätzliche individuelle Unterstützung.

Und manchmal bedeutet Unterstützung auch schlicht: mehr Lehrer. „Ich habe drei Spanischlehrerinnen: eine für Grammatik, eine für Lateinamerika und eine für die Examensvorbereitung“, erzählt John. Wenn es mal zu stressig wird, kann man sich ins Wellbeing House zurückziehen. Dort kann man entspannen, wenn es Druck vor Prüfungen gibt oder man ganz in Ruhe seine Hausaufgaben machen möchte.

Von GCSEs bis zur Modenschau

Wer mit 14 oder 15 Jahren nach Sidcot kommt und hier seine GCSEs (ähnlich der mittleren Reife) macht, kann aus einer großen Palette an Fächern wählen. Neben klassischen Fächern findet man auch Fotografie, Design Technology, Drama, Musik, Textiles oder man kann seine Kochkünste verbessern. Gerade Textiles scheint gut anzukommen: Auf dem Flur lief uns eine Gruppe von Schülerinnen entgegen, die uns im Vorbeigehen einfach zurief: „Textiles is really nice!“ Inhaltlich geht es um Mode- und Stoffdesign: Stoffdruck und Färben, Stickerei, Filzen, Weben, Stricken und Häkeln, aber auch Schnittkonstruktion, Fashion Illustration und das Nähen kompletter Kleidungsstücke. Als Highlight gibt es am Schuljahresende eine Modenschau.

Wir sind uns sicher, dass so viel textile Kreativität auf die silbernen Sneaker von Fidelia abgefärbt haben. Doch Sidcot kann auch anders und ganz ohne klassische britische Schultraditionen geht es auch hier nicht: Bis zur Fifth Form wird nämlich doch Uniform getragen. Erst die Oberstufenschüler dürfen ihren eigenen Stil zeigen, und das auch nur von dienstags bis freitags. Montags heißt es: „formal business wear“. Und donnerstags ist Sporttag, da kommen alle direkt in Sportsachen zum Unterricht.

Kunst auf erstaunlich hohem Niveau

Überhaupt ist das kreative Angebot auffallend breit. Besonders hängen geblieben ist bei uns die Kunst. Das Keramikstudio war voll mit IB- und A-Level-Schülern, die konzentriert in freundlicher Atmosphäre arbeiteten. Eindeutig, dass hier weit mehr Zeit verbracht wird als die Stunden, die der Stundenplan vorsieht. Das sah man auch an der IB-Abschlussausstellung im Foyer, wo aufwendige Arbeiten hingen, die leicht in eine Galerie gepasst hätten. Zudem gibt es immer mal wieder Highlights, wie beispielsweise die Entwicklung einer Kunst-Installation für das berühmte Glastonbury Festival vor zwei Jahren oder ein Trip nach New York für die Drama- und Kunst-Studenten.

Handys: „Not seen, not heard“

Noch ein paar Worte zur Handy-Regelung: Sidcot akzeptiert, dass Smartphones heute zum Alltag gehören, sie sollen aber weder das Lernen noch das soziale Miteinander beeinträchtigen. Bis zur Fifth Form bleiben die Handys daher während des Schultags zu Hause beziehungsweise im Boarding House. Ab der Sixth Form gilt: „Not seen, not heard“. Wer zwischen 8 und 18 Uhr unerlaubt am Handy erwischt wird, muss es bis zum Ende des Schultages abgeben.

Das Außerakademische

Außerhalb des Unterrichts ist Sidcot vielseitig und – surprise! - besonders stark im kreativen Bereich. Wer dagegen ein großes Angebot an akademisch ausgerichteten Clubs und Societies sucht, wie etwa in den Naturwissenschaften oder im Debattieren, findet hier etwas weniger Auswahl.

Die Musik- und Theaterdepartments sind ebenfalls ordentlich aufgestellt. Die Schule verfügt über eine eigene Music School mit Konzertsaal, Übungsräumen, Recording Studio und einem Raum für digitale Musikproduktion. Neben individuellem Instrumentalunterricht gibt es unter anderem eine Jazz Band, ein String Ensemble und ein Orchester sowie verschiedene Chöre und einen Music Tech Club. Dass Musik und Theater in Sidcot nicht nur auf dem Papier stattfinden, war bei unserem Rundgang kaum zu überhören: Hinter einer der Türen wurde gerade Gesang unterrichtet, und John und Fidelia waren angetan vom Schulmusical Matilda. „Die Nachfrage nach Rollen war bei Matilda so groß, dass kurzerhand zusätzliche Zeilen geschrieben wurden, damit möglichst alle, die wollten, auf der Bühne stehen konnten“, erzählt John. Wer tiefer ins Dramafach einsteigen möchte, kann LAMDA-Unterricht belegen und sich gezielt auf die Prüfungen der London Academy of Music & Dramatic Art vorbereiten.

Von Cricket bis Ultimate Frisbee

Sportlich reicht das Angebot klassisch von Fußball über Cricket, Tennis bis hin zu Triathlontraining und Netball. Etwas exotischer wird’s beim Ultimate Frisbee. Beim Hockey ist das Niveau gerade bei den älteren recht Mädchen hoch. „Eine Anfängermannschaft für Year 12 gibt es nicht“, sagt Fidelia. Seit kurzem kooperiert die Schule mit dem Basketball-Team der Bristol Flyers und bietet professionelles Coaching an. Dazu gehören 5,5 Trainingsstunden pro Woche im U18-Team, Wettkämpfe und gezieltes Kraft- und Konditionstraining im neu ausgestatteten Gym. Andernorts geht’s lockerer zu: Im Schwimmbad lernt man nicht nur Rücken und Kraulen – hier wird auch schon mal zur Pool-Party eingeladen.

Pferde gehören hier zum Schulalltag

Und dann sind da die Pferde. Und Reiten gehört hier wirklich zum Schulleben dazu. Hier kann man auch mal zwischen Mathe und Englisch eben rüber laufen und aufs Pferd steigen, um seine Trainingseinheit zu absolvieren. Das Niveau reicht vom Anfänger bis zum ambitionierten Sidcot Equestrian Team, für das man sein eigenes Pferd mitbringen muss. Dann kann man in Dressur und Springen ebenso wie im Arena Eventing antreten, einer Kombination aus Parcours- und Geländesprüngen. Mit dem eigenen Pferd zu kommen, hat zudem den Vorteil, auch am Wochenende trainieren zu können.

PASS: Jedes Half Term etwas Neues

Eine Sidcot-Besonderheit ist das PASS Programme, das „Programme of Activities for Sidcot Students“. Jeden Donnerstagnachmittag ist dafür Zeit reserviert. PASS ist weniger eine klassische AG als ein fest eingeplanter Erfahrungsraum: Die Schüler legen sich nicht für ein ganzes Schuljahr auf eine Aktivität fest, sondern wählen jedes Half Term etwas Neues, um ganz unterschiedliche Dinge auszuprobieren, etwa Skateboarding, Pilates, Kajakfahren, Snowsports, Keramik, Backen, Schach oder Coding. „Wir möchten unsere Schüler ermutigen, Neues auszuprobieren, über sich hinauszuwachsen und dabei Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein und wichtige Fähigkeiten fürs Leben zu entwickeln“, so James Jones.

Unterschiedliche Perspektiven, gemeinsame Werte

Unter den von Schülern selbst initiierten Societies findet sich beispielsweise „Agape – Exploring Christianity“, gleichzeitig aber auch eine African Caribbean Society, eine Pride Group oder die Slavic and Eastern European Society. Das passt ziemlich gut zu dem Eindruck, den Sidcot insgesamt vermittelt: Die Quäkertradition ist präsent, aber kein enges Korsett, sondern ein Rahmen, innerhalb dessen sehr unterschiedliche Interessen und Perspektiven ihren Platz haben. Auch der Friedensgedanke der Quäker, die sich für ein gewaltfreies Miteinander einsetzen, findet sich im Schulalltag wieder. So beschäftigt sich das Centre for Peace and Global Studies mit Fragen der Konfliktlösung, organisiert Vorträge und Veranstaltungen und richtet das Sidcot Festival of Peace aus.

Das Internatsleben

Unsere Boarding-House-Tour starteten wir mit Ailsa im Hauptgebäude, wo auf der oberen Etage Jungen und Mädchen getrennt untergebracht sind. Praktische Zimmer, gemütliche Aufenthaltsräume und natürlich überall selbst gemalte Kunst an den Wänden. Geleitet werden der West- und der Ostflügel von nur einer Housemistress. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie allein für die Jugendlichen zuständig ist: Zu den jeweiligen House Teams gehören unter anderem Deputy Houseparents, Boarding Tutors, Graduate Assistants und eine Matron, von denen einige direkt im Haus leben.

Ein erstaunlich effektives Mittel, Teenager zumindest einmal pro Woche zum Aufräumen zu bewegen, hat Sidcot beim Saubermachen gefunden. „Die Zimmer werden nur gereinigt, wenn vorher alles vom Boden hochgestellt wurde. Wer das nicht schafft, wartet eben bis zur nächsten Woche“, erklärt Ailsa. Das erklärt auch, warum wir beim Rundgang so manche Habseligkeit auf den Betten wiederfanden und es hier und da noch nicht ganz blitzeblank war. Und zur Beruhigung der Eltern: Die Bäder werden täglich gereinigt.

Keine Zeit für Heimweh

Rund ein Drittel der Seniorschool sind Boarder. Fidelia erzählte, dass das Ankommen überhaupt kein Problem gewesen sei. Die Boarder reisen bereits vor dem ersten Schulwochenende an und haben so genügend Zeit, sich kennenzulernen, bevor der Unterricht beginnt. Ihre besten Freunde kommen aus Tschechien, Bulgarien und Deutschland. „Ab dem ersten Tag wurde man voll aufgenommen, man hatte gar keine Zeit für Heimweh“, erinnerte sie sich. Und danach? „Es gab irgendwie immer was zu tun.“

Die Zimmer sind international gemischt. Gleichzeitig geht Sidcot mit den verschiedenen Muttersprachen erstaunlich entspannt um. Wer den ganzen Tag auf Englisch zuhört, liest, schreibt und lernt, darf sich abends im Boarding House in seiner Muttersprache unterhalten. „Aus unserer Sicht, ist es wichtig, nach einem langen Tag in die eigene Sprache wechseln zu dürfen, um zu entspannen“, so Ailsa. Bei 36 deutschen Schülern ist die Chance, auf dem Campus Deutsch zu hören, entsprechend groß. Wer für seinen Auslandsaufenthalt möglichst konsequent in eine rein englischsprachige Umgebung eintauchen möchte, sollte das wissen.

Am Wochenende einen Gang zurückschalten

Während der Woche bleibt den Schülern ohnehin wenig Zeit in ihren Zimmern: An einem normalen Schultag sind es gerade einmal rund 45 Minuten echte Downtime, bevor das Licht ausgemacht wird. Am Wochenende sieht das anders aus. Das Programm ist bewusst überschaubar. Manchmal gibt es einen Bus nach Bath oder Bristol oder einen Ausflug, grundsätzlich organisieren die Jugendlichen ihre freie Zeit aber weitgehend selbst: Freunde in anderen Häusern besuchen, ins Dorf gehen, ausschlafen, herunterkommen. Der Sunday Brunch ist ein Highlight. Nach einer durchgetakteten Schulwoche wird in Sidcot ganz bewusst das Adrenalin runterfahren.

Die Jungs und ihre Parfumsammlung

Abschließend führte uns John noch durch sein ehemaliges Boarding House Wing House. „Ich vermisse es“, sagte er beim Blick in die gemütlichen Aufenthaltsräume mit Billardtisch und der großen Küche. Wir haben schon einige Jungenhäuser britischer Internate besucht. Wing House dürfte mit Abstand das bestduftende gewesen sein. In den Jungenzimmern standen überall Parfumflaschen auf den Schränken. Nicht eine oder zwei, sondern ganze Sammlungen. John konnte uns das Phänomen auch nicht wirklich erklären. Die Jungs seien einfach „total obsessed mit Parfüm“.

Vielleicht erzählt diese kleine Szene mehr über das Boarding als jede Broschüre. Denn trotz des hohen Anteils internationaler Schüler scheint Sidcot für viele schnell zu einem Zuhause zu werden, in dem man sich richtig wohlfühlt. John jedenfalls bezeichnet seine Entscheidung für die Schule rückblickend sogar als „the best decision of my life“.

Für welchen Schülertypus eignet sich Sidcot aus unserer Sicht?

Sidcot ist eine Schule für Jugendliche, die in einer warmherzigen, liebevollen Umgebung aufwachsen und lernen möchten. Die Atmosphäre ist entspannt, der Umgang miteinander freundlich und zugewandt. Hier muss niemand ständig Höchstleistungen bringen oder sich gegen andere behaupten, um seinen Platz zu finden.

Besonders wohl dürften sich kreative Köpfe und Pferdefans fühlen, aber auch Schüler, die ihre Interessen erst noch entdecken möchten. Kleine Klassen, persönliche Betreuung und viel Raum zum Ausprobieren bieten dafür gute Voraussetzungen. Wer allerdings auch am Wochenende ein durchorganisiertes Freizeitprogramm erwartet, wird in Sidcot möglicherweise nicht glücklich.

Vor allem aber ist Sidcot aus unserer Sicht eine Schule für Jugendliche, die Gemeinschaft und Geborgenheit schätzen. Wir würden unsere eigenen Kinder guten Gewissens hierherschicken, nicht wegen besonderer akademischer oder sportlicher Spitzenleistungen, sondern weil wir den Eindruck hatten, dass junge Menschen hier mit viel Wärme, Geduld und Verständnis begleitet werden.

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