
Unsere Artikel • 23rd July 2026
Britische Internate im Profil: Gordonstoun - von Königen und Outdoorhelden

Gordonstoun auf einen Blick
Gordonstoun ist ein traditionsreiches schottisches Internat in den Highlands, das 1934 vom deutschen Reformpädagogen Kurt Hahn gegründet wurde und die Persönlichkeitsentwicklung ebenso hoch bewertet wie akademische Leistungen.
Besonders bekannt ist die Schule für ihre verpflichtende Outdoor Education, den außergewöhnlichen Dienst an der Gemeinschaft (etwa bei der schuleigenen Feuerwehr oder Küstenrettung) sowie ihre Round-Square-Philosophie.
Sie eignet sich besonders für neugierige, aktive Jugendliche, die Herausforderungen suchen, Verantwortung übernehmen und über sich hinauswachsen möchten.
Alle Informationen zu Gordonstoun finden Sie in unserem ausführlichen Schulprofil.
Intro
Wenn man an Internate in Schottland denkt, fällt den meisten von uns wahrscheinlich erstmal nichts ein. Doch es gibt erstaunlich viele renommierte Schulen. Und es gibt eine Schule, die in Großbritannien jeder kennt (und außerdem alle, die „The Crown“ gesehen haben): Gordonstoun. Warum? Hier lernte bereits Prinz Philip, der Gemahl von Queen Elizabeth II., und schwärmte sein Leben lang vom Meer und von einer Ausbildung, bei der neben dem Dienst an anderen auch das Hinauswachsen über die eigenen Grenzen zum Schulalltag gehört. Philip war so überzeugt von dem pädagogischen Konzept, dass er seinem Sohn Charles dieselbe Ausbildung ermöglichen wollte. Nun ja, der heutige König tat sich mit Gordonstoun bekanntlich deutlich schwerer, litt unter Heimweh und einem anstrengenden Internatsalltag.
Mehr als eine Schule mit königlicher Geschichte
Heute steht die Schule im Norden Schottlands für weit mehr als royale Namen. Und für uns war klar: Gordonstoun mussten wir auf unserer Schottlandreise unbedingt mal wieder besuchen. Schließlich empfehlen wir die älteste Round-Square-Schule Großbritanniens regelmäßig und aus voller Überzeugung.
Ein Besuch auf dem Gordonstoun-Campus
Und tatsächlich ist Gordonstoun so viel mehr als die großen Namen der ehemaligen Schüler, so dass wir den König während unseres Besuchs schnell vergaßen und stattdessen unseren drei Schülerguides Nizar, Jen und Sofia beeindruckt über den Campus folgten. Wir aßen gemeinsam mit einem Team von Lehrkräften im Speisesaal, wurden vom Head of Admissions Chris Rose herzlich empfangen, liefen durch Schulgebäude und Wälder, an einem Cricketspiel vorbei (das über Stunden gespielt wurde), checkten ein Boardinghaus, sahen die Sportanlagen und wurden schließlich vom Head der Senior School, Simon Cane-Hardy, verabschiedet.
Charakterbildung statt Standardprogramm
Lesen Sie über eine außergewöhnliche Schule, die vom Schafe scheren über die Feuerwehrausbildung bis hin zu Barista-, Opern- und Dudelsackunterricht alles bietet, was man sich vorstellen kann. Und sollte etwas nicht existieren, wird hier alles daran gesetzt, dass es bald Wirklichkeit wird - sofern es denn der Bildung des Charakters dient.



Die Lage
Beim Landeanflug auf Inverness in den schottischen Highlands sah man es schon aus dem Flugzeug: Golfplatz, Schafe, Wasser und Berge: Cliché erfüllt - willkommen in Schottland! Wer nicht mit dem Flugzeug anreisen möchte, der kann mit dem Zug fahren, so wie es die Queen vor rund 60 Jahren tat, als sie ihren Sohn in Gordonstoun besuchte. Die Strecke soll landschaftlich sehr schön sein. Wir empfehlen Ihnen dennoch das Flugzeug. In 1:45 Stunde ist man von London im Norden. Alternative Flughäfen sind Aberdeen und Edinburgh. Wobei die Schule für die Flughäfen Aberdeen und Inverness einen täglichen Fahrdienst anbietet, während Edinburgh unregelmäßig angefahren wird, da die Strecke geschlagene vier Stunden dauert. Versuchen Sie also über Inverness einzufliegen. Dann sind Sie mit dem Auto nach 45 Minuten an der Schule.
Abgeschieden und besonders
Wer Gordonstoun wählt, der entscheidet sich für ein Abenteuer, das idyllisch und sehr abgeschieden liegt. Doch das schadet der Nachfrage nicht. Zurzeit gibt es rund 500 Schüler. „Viel mehr können wir auch nicht aufnehmen. Unser Angebot ist der limitierende Faktor. Alle Schülerinnen und Schüler müssen nämlich bei einem unserer Segeltörns mitmachen“, so Head of Admissions, Chris Rose. Schließlich sei man als Round Square Schule verpflichtet, die Kinder hier auf persönliches Wachstum und interkulturelles Lernen vorzubereiten.
Gordonstoun bietet daher auch genug Interessantes nach dem Unterricht an, so dass die Schüler, wenn sie denn mal sonntags nach Inverness oder ins nahe gelegene Elgin fahren, dort mit einer kleinen Auswahl an Shops zufrieden sind. „In Elgin gibt es einen Supermarkt, Boots (einen Drogeriemarkt) und man kann was essen. Mehr braucht man nicht“, sagte uns Tourguide Sofia.
Die Philosophie von Kurt Hahn lebt bis heute
Das Internat wurde 1934 von dem deutschen Reformpädagogen Kurt Hahn gegründet, der in den 20er Jahren bereits Schloss Salem unweit des Bodensees aufgebaut hatte und während der Zeit des Nationalsozialismus Deutschland verließ. Sein Ansatz, junge Menschen wachsen, wenn sie ihre Komfortzone verlassen und ernst genommen werden, hat dazu geführt, dass Gordonstoun auch heute noch eine Schule ist, in der vor allem die Persönlichkeit und der Charakter gebildet werden, indem die Schüler und Schülerinnen körperlich, sozial und emotional gefordert werden. Akademische Leistungen sind zwar wichtig, stehen aber nicht im Mittelpunkt, wenngleich uns Chris Rose versicherte, dass das Akademische inzwischen stärker in den Fokus rücke. Doch dazu später mehr.
Ein Campus mit Geschichte und Charakter
Das weitläufige, von Wäldern und viel Grün geprägte Schulgelände wirkte auf uns sehr einladend. Die Gebäude hingegen erzählten Architekturgeschichte: Das graue Haupthaus, dessen Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, thront zwischen Cricketfeld und Park, ergänzt durch einige Bausünden aus den vergangenen 70 Jahren und historische Bauten. Darunter das markante Rundgebäude „Round Square“ (Geburtsort der gleichnamigen Association), das der Überlieferung nach einst ohne Ecken gebaut wurde, um den Teufel fernzuhalten. Diese Geschichte kennt hier jeder Schüler und wir bekamen sie gleich zweimal zu hören. Seit 1950 war es ein Boardinghaus für Jungen und ja, King Charles war hier der Head Boy. Inzwischen sind die Jungen umgezogen. Tourguide Nazir trauert dem etwas nach. „Die Zimmer waren zwar klein, aber Round Square hatte Charakter und ich fand’s super.“ Dafür ist Nazir inzwischen froh über den Luxus, im Winter ein warmes Zimmer zu haben. Das ist ein Vorteil, keine Frage.
Moderne Ausstattung statt schöner Fassaden
Zwischen Boardinghaus und den Unterrichtsgebäuden liegen die Feuerwehrwache, das Sportzentrum und das Haupthaus. Von den flachen Unterrichtsgebäuden sind einige schon sehr in die Jahre gekommen. Doch für unsere Guides spielt das keine Rolle. Sie zeigten uns stattdessen die Robotics-Preise, die aufgereiht auf dem Fensterbrett im Physikraum stehen. „Wir haben erst vor ein paar Jahren mit diesen Robotics Wettbewerben angefangen und haben jetzt schon so viele Preise, dass sie alle gar nicht auf ein Foto passen“, sagt Nazir nicht ohne Stolz. Der Wow-Faktor liegt hier eindeutig nicht in der Architektur, sondern in dem, was geleistet wird.
Outdoor Education: Herausforderungen, die Selbstvertrauen schaffen
Während wir einen Blick in das George Welsh Sportzentrum werfen, dessen professionelle Kletterwand, die Squashplätze, Fitnessbereiche und das Schwimmbad zu den besser ausgestatteten Anlagen gehören, die wir bisher gesehen haben, erzählt Sofia, dass sie Angst hatte, am Segeltörn auf dem Schulschiff Ocean Spirit teilzunehmen. Doch kneifen gibt’s nicht in Gordonstoun. „Meine Lehrer und Tutoren haben mit mir geredet, bis ich mich getraut habe.“ Zwar sei Segeln immer noch nicht ihre Leidenschaft, aber Sofia ist eine von vielen, die hier lernen, dass man auch durch unangenehme Situationen durchkommt - um dann auf der anderen Seite mit mehr Selbstbewusstsein wieder aufzutauchen. Das kann beim Segeln ebenso wie auf der Bühne des schuleigenen Theaters Ogstoun sein, das am hintersten Ende des rund 90 Hektar großen Geländes liegt. Es bietet mit seinen 200 Sitzen genug Platz für mehrere Jahrgänge und die letzte Produktion „Westside Story“ war ein großer Erfolg.
Boarding House und Speisesaal: Einblicke in den Schulalltag
Auf dem Rückweg werfen wir noch einen Blick in das Jungenhaus Altyre, einem von sieben Boardinghäusern der Seniorschool, das einen sympathischen und ordentlichen Eindruck macht mit Einzel- und Doppelzimmern und zwei Küchen, so dass die Jungen auch noch spät abends essen können.
Beim abschließenden Besuch des Speisesaals fällt uns vor allem die gute Stimmung auf. Viele unterhalten sich angeregt und das Geburtstagsständchen am Nachbartisch wird aus voller Brust gesungen. Unser Essen (Tortilla-Wraps) besteht den Test und Nazir, der als Fußball-Captain das Essen anderen Schulen kennt, meint zudem, dass es in Gordonstoun besser schmecke als bei den Gegnern.
Mehr Sonne als erwartet
Natürlich kommt man bei einer schottischen Schule nicht drum herum, kurz das Wetter zu erwähnen. Während unseres Besuchs schien vier Stunden lang die Sonne! Das ist aus unserer Sicht schon einen Kommentar wert. Was wir bis dahin nicht wussten: Der Golfstrom verleiht der Region ein eigenes, ungewöhnlich mildes Mikroklima. „Dadurch haben wir hier mehr Sonnenschein als der Rest Schottlands“, erzählt uns Lucy, die Leiterin der Wasserrettung. Und erstaunlicherweise ist die Region um Gordonstoun kaum niederschlagsreicher als Frankfurt am Main. Ein Selling Point für Schottland! Im Winter hingegen sei hier mal so viel Schnee gefallen, dass Al Montheith, der Head of Teaching and Learning auf Skiern zur Schule gekommen sei. Aber das bleibt eher die Ausnahme.
Und machen wir uns nichts vor: es kann auch kalt und nass sein und für eine Schule mit einem großen Outdoor-Pflichtprogramm, wird schlechtes Wetter nicht als Hinderungsgrund anerkannt.



Was macht Gordonstoun - aus unserer Sicht - so besonders
Bei manchen Internaten müssen wir manchmal etwas überlegen, um das Besondere zu identifizieren. Nicht so in Gordonstoun.
Die Outdoor-Erziehung ist Pflicht und kein ergänzendes Nachmittagsprogramm. Nicht umsonst steht auf den Schulbussen das Motto „Classrooms without corridors“. Der Grundidee Kurt Hahns folgend, soll die Erziehung die Kinder hier auf das Leben und nicht auf Schulprüfungen vorbereiten. Und dazu gehört, eine Menge Zeit in der Natur zu verbringen. In Zeiten von Handy-Dauernutzung und Überkonsum ein Ansatz, der bei einigen Eltern auf offene Ohren stoßen dürfte.
Verantwortung übernehmen gehört zum Schulalltag
Zudem ist der Dienst an anderen Pflicht und nicht Kür. Alle Schülerinnen und Schüler müssen ab Year 9 (also ab etwa 13 Jahre) aus einem von acht Bereichen wählen und können beispielsweise bei der schuleigenen Feuerwehr oder dem Küstenrettungsdienst mitmachen. Damit geht die Schule einen großen Schritt weiter als viele andere Internate und vermittelt Fähigkeiten auf einem Niveau, das weit über ein normales Schul-Curriculum hinausreicht.
Schottische Identität
Darüber hinaus prägt die schottische Kultur den Schulalltag in Gordonstoun auf besondere Weise. Im Vergleich zu Schulen in England entsteht dadurch eine ganz eigene Atmosphäre. Dass hier mit Stolz Dudelsack gespielt wird, sollte man nicht an sich vorüberziehen lassen.
Ein außergewöhnlich vielseitiges Internat
Alles in allem ist Gordonstoun perfekt ausgestattet mit dem, was ein gutes Internat ausmacht, ohne dabei zu sehr auf einzelne Schwerpunkte wie Sport oder Theater zu bauen. Und dabei bietet es trotzdem ein außergewöhnliches Angebot.



Das Akademische
Akademisch erzielte Gordonstoun in den letzten Jahren solide Ergebnisse. 2024 wurden 38 Prozent der GCSE-Prüfungen mit den Noten 9 bis 7 abgeschlossen, bei den A-Levels erreichten 56 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Noten A* bis B. Damit liegt man hier im guten Mittelfeld der britischen Internate. Aber das passt zu einer Schule, deren Anspruch weit über reine Prüfungsergebnisse hinausgeht und die die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellt.
Wie Gordonstoun modernes Lernen weiterentwickelt
Gleichzeitig verliert die Schule den akademischen Ansatz nicht aus dem Blick: „In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Art geändert, wie wir hier unterrichten“, erzählt Al Monteith. Man arbeite mit der Universität Edinburgh zusammen und passe den Unterricht an die neuere Forschung an. „Wenn man besser versteht, wie das Gehirn arbeitet, dann kann man gezieltere Methoden für das Lang- und Kurzzeitgedächtnis einsetzen. Die Ergebnisse sind seitdem besser geworden.“ Auch wenn Oxford oder Cambridge nicht die typischen Studienziele sind, erzielen die meisten doch gute akademische Ergebnisse und viele übertreffen ihre individuellen Prognosen.
Fächerangebot: Von Altgriechisch bis Theatre Studies
Mit einer durchschnittlichen Klassengröße von zehn bis zwölf Schülern in der Sixth Form (Oberstufe), kann intensiv unterrichtet werden. Dabei wählen Schülerinnen und Schüler aus einem breiten Angebot klassischer und moderner A-Level-Fächer, wie Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Geografie, Wirtschaft, moderne Fremdsprachen sowie Kunst, Theater und Musik. Bemerkenswert ist, dass Gordonstoun neben Latein auch Altgriechisch anbietet, zwei Fächer, die selbst an britischen Privatschulen seltener zum regulären Angebot gehören. Ergänzt wird das Curriculum durch besondere Optionen wie Further Mathematics, Photography oder Theatre Studies.
Learning Support und individuelle Förderung
Wer Schwierigkeiten mit dem Lernen hat, wird vom Learning Support Team unterstützt. „Ich hatte Prüfungsangst und mit dem Team haben wir Strategien entwickelt, wie beispielsweise mehr Zeit für meine Tests und wie ich mich besser fokussieren kann“, erzählt Nazir und es hat ihm geholfen. Dazu gibt es wöchentliche Gespräche mit Tutoren und Nachhilfeunterricht, die für alle Schüler angeboten werden.
Das Gordonstoun Diploma: Mehr als gute Noten
Neben den klassischen GCSE und A-Level Abschlüssen (ähnlich der Mittleren Reife und dem Abitur) gibt es das Gordonstoun Diploma. Ein Zertifikat, das neben akademischen Leistungen auch Engagement in den Bereichen Outdoor Education, Kunst, Kultur und Sport sowie gesellschaftliche Verantwortung bewertet. Das eröffnet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, ihre Stärken auf ganz unterschiedliche Weise zu zeigen und dafür dieselbe Wertschätzung zu erfahren wie für akademische Leistungen.
KI, Praktika und Zukunftskompetenzen
Für die Zukunft plant die Schule, mehr ins moderne Lernen und Lehren zu investieren, um sich den neuen Herausforderungen einer technologisierten Welt besser stellen zu können. Dabei steht für Simon Cane-Hardy der Umgang mit KI auf dem Programm. Es gehe ihm um die richtige Balance und dazu gehöre auch, im Unterricht die Aufsätze weiterhin per Hand zu schreiben und ohne W-Lan. Zudem sehe man auch einen Trend, dass nicht mehr alle Schulabgänger zur Uni gingen. „Wir müssen unsere Schüler auf andere, praxiorientiertere Ausbildungswege vorbereiten“. Die Schule versucht über Praktika diese Brücke zu schlagen. Unternehmerisches Denken solle gefördert werden. Zudem wolle man das Alumni-Netzwerk stärker für das Mentoring ausbauen. Wer weiß, manch ein Schüler oder Schülerin mag irgendwann sogar royalen Rat und Orientierung erhalten.
Electives: Lernen über den Lehrplan hinaus
Samstags ist Unterricht. Doch statt Mathematik und Englisch zu pauken, stehen die sogenannten „Electives“ auf dem Stundenplan. Nazir hat sich aus dem wechselnden Angebot die exotischen Kurse „Opera Appreciation“, „Barista Skills“ und „Film Studies“ ausgesucht. Anschließend folgen Sport und Nachhilfe in den sogenannten „Clinics“.
Handy-Regeln: Klare Struktur im Schulalltag
Abschließend ein Wort zur Handy-Regelung: Während des Schultages werden die Mobiltelefone abgegeben und in Schließfächern im Boardinghaus aufbewahrt. Erst nach der abendlichen Lernzeit dürfen die Jugendlichen sie wieder abholen, vor dem Schlafengehen werden sie erneut eingesammelt.



Außerschulisches Leben
„Wir haben vor einiger Zeit Forellen ausgesetzt, damit unsere Schüler Fliegenfischen lernen können“, erzählt uns Chris Rose und grinst, während er uns die anderen Angebote aufzählt: Traktorfahren, Motorsägenkurse, Schafhaltung und Deer Management, Angeln oder Expeditionen in den schottischen Highlands. Das Motto der Schule „Plus est en vous – es steckt mehr in dir“ kann und soll man hier durch all diese außergewöhnlichen Angebote austesten. Dabei gilt: Wer sich zu sehr in seiner Komfortzone einrichtet, bekommt von den Tutoren bewusst neue Herausforderungen vorgeschlagen. „So it’s not uncommon to do something uncommon“, sagt Imogen Thomas, Head of Teaching and Learning.
Verantwortung übernehmen in echten Einsatzteams
Richtig beeindruckend wird Gordonstoun in der Oberstufe. Ab Year 11 übernimmt jeder Schüler einen sogenannten Service. Das kann die schuleigene Feuerwehr sein, Erste Hilfe, Naturschutz oder soziale Projekte. Einzigartig ist jedoch der Coastguard Service. Gordonstoun hat ein Küstenschutz-Zentrum, das die britische Küstenwache bei echten Rettungseinsätzen unterstützt.
Der Coastguard Service: Ein einzigartiges Programm
In der Kantine zeigt Lehrer Richard Cavaye auf Finn aus Stuttgart. Er gehöre zu den erfahrensten Mitgliedern des Coastguard Service und durfte Gordonstoun sogar im House of Lords in London vertreten. „Wie man dahin kommt? Mit Leidenschaft für das, was man macht und der Bereitschaft, Zeit zu investieren“, sagt Richard. Einsätze können die Suche nach vermissten Personen sein oder auch schon mal die Absicherung einer Weltkriegsbombe an der Küste. Dabei sind natürlich immer ausgebildete Erwachsene.
Feuerwehrdienst als Teil des Internatslebens
Die Schüler, die sich für den Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr gemeldet haben, arbeiten in Schichten und tragen ihre Beeper bei sich. „Selbst im Unterricht springen die Jungs und Mädchen auf und rennen raus, während die anderen hinter ihnen applaudieren“, so Richard. Die Ernsthaftigkeit, mit der hier der Dienst für andere durchgeführt wird, unterscheidet sich eindeutig von anderen Internaten.
Musik, Kunst und Kultur
Doch wer jetzt denkt, Gordonstoun bestehe nur aus Abenteuer, Verantwortung und Herausforderung, der irrt.
Die Schule verfügt über ein beeindruckendes Kunst- und Musikangebot. Rund 400 Musikstunden pro Woche, 17 neue Steinway-Flügel und -Klaviere sowie schallisolierte Proberäume. Letztere sind besonders wichtig, schließlich spielt und trommelt hier auch eine der größten Dudelsack-Bands Großbritanniens mit 40 Mitgliedern. Insgesamt üben 150 Schülerinnen und Schüler aus acht Nationen. Und es hat schon einen besonderen interkulturellen Charme, wenn schweizer und brasilianische Schülerinnen und Schüler mit der Bagpipe auf dem Rasen stehen.
Sportangebot: Von Rugby bis Kajakfahren
Dazu kommen Tanzstudio, Theater und ein modernes Sportzentrum mit Kletterwand, Squashcourts, Hallenbad, Außenanlagen und eigenem kleinen Golfplatz. Und auch hier versucht die Schule sich möglichst nach den Interessen der Schüler zu richten. Unser Schüler Oskar hat Bogenschießen und Kajaking ausprobiert, bevor er eine Leidenschaft für das Rugbyspielen entwickelt hat. „Als zu wenig Schüler da waren, haben wir kurzerhand mit dem Moray-Rugby-Club in Elgin trainiert. Das lief gut.“


Das Boarding
Gordonstoun ist ein echtes Full-Boarding-Internat: Rund 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler leben dauerhaft auf dem Campus, Weekly Boarders und Day Students gibt es kaum. Das ist angesichts der Lage auch nicht überraschend. „180 degrees sea, 180 degrees mountains“, beschreibt Chris Rose die Umgebung. Dazwischen liegen nur die Schule, ihre Boardinghäuser und eine Gemeinschaft, die auch am Wochenende nicht auseinanderfällt.
Boardinghäuser mit klaren Regeln und viel Gemeinschaft
Die Boarder verteilen sich auf vier Jungen- und drei Mädchenhäuser. Die Schülerinnen und Schüler kommen aus etwa 30 Nationen, darunter 48 Deutsche, die zum Zeitpunkt unseres Besuchs die zweitgrößte internationale Gruppe bildeten. Mädchen und Jungen sind inzwischen ungefähr gleich stark vertreten. Im Jungenhaus Altyre gilt Sockenpflicht, da Hausvater Ishaq Rahael (selbst Alumni und Biologielehrer in Gordonstoun) Wert darauf legt, dass die verschiedenen Kulturen und Nationalitäten im Haus mit Respekt behandelt werden. „Wir haben eine Menge Spaß hier, aber ich möchte auch, dass die Jungs lernen, sorgsam miteinander umzugehen und Ordnung zu halten.“ Wer sich nicht an die Abläufe hält, muss sein Handy abgeben. Die Lernerfolge dieser Methode seien verblüffend, zwinkert Ishaq.
Houseparents begleiten die persönliche Entwicklung
Die Beziehung zwischen Houseparents, Tutoren, Matrons und ihren Schützlingen ist eng. Sie motivieren und sehen, wo Potenziale liegen. Nazir erzählt, wie sein Hausvater ihn zu einem dreitägigen Marsch durch die Highlands überzeugte - bei zwei Grad, Dauerregen und stundenlangem Laufen. „Es war unendlich hart“, sagt er. Aber als er ankam, habe sich etwas in ihm verändert: „I can do everything.“
Mehr Privatsphäre mit zunehmendem Alter
Mit zunehmendem Alter wächst auch die Privatsphäre. Ab Year 9 wohnen die Jugendlichen je nach Haus und Verfügbarkeit in Doppel- oder Einzelzimmern. In Year 10 teilen sie ihr Zimmer in der Regel nur noch mit einer weiteren Person; in den letzten zwei Jahren erhalten viele ein Einzelzimmer. Vorrang haben diejenigen, die sich auf wichtige Prüfungen vorbereiten.
Wochenenden auf dem Campus
Am Wochenende bleibt der Campus lebendig. Nach dem Unterricht am Samstagvormittag folgen Sport und Aktivitäten, am Abend Lagerfeuer am Strand, Quizrunden, Pizza Nights oder Filmabende. Der Sonntag bietet nach Chapel und Lernzeit Raum für Musik, Theater und Sport. Zweimal pro Trimester gibt es sogenannte Week-out-Wochenenden. Diese werden flexibel gehandhabt: Viele internationale Schüler verbringen sie bei ihrem Guardian, rund 200 bleiben jedoch auf dem Campus und nehmen am angebotenen Programm teil.
Traditionen, die Gordonstoun prägen
Wer den Winterterm hier verbringt, erlebt noch eine spezielle Gordonstoun-Tradition: Die Boardinghäuser versuchen den Weihnachtsbaum im alten Round Square House zu stehlen. „Wir hatten ihn schon in der Waagerechten, aber dann war er leider angekettet“, erzählt Oscar. So einfach kann man sich in Gordonstoun seine Lorbeeren eben nicht verdienen.



Für wen ist Gordonstoun aus unserer Sicht geeignet?
„Gordonstoun doesn’t need to be for everyone.“ Diesen Satz haben wir während unseres Besuchs mehrfach gehört und genau das macht die Schule authentisch. Sie versucht gar nicht, jedem zu gefallen.
Gordonstoun passt zu neugierigen, aktiven Schülerinnen und Schülern, die Lust haben, Neues auszuprobieren, sich draußen wohlfühlen und Herausforderungen eher als Einladung denn als Belastung sehen. Es ist eine Schule für Kinder, die nicht nur gute Noten mit nach Hause nehmen möchten, sondern Erlebnisse, Verantwortung und Selbstvertrauen.
Überraschend fanden wir, dass Gordonstoun durchaus für Jugendliche geeignet sein kann, die sich manchmal mit Regeln schwertun. Gerade weil der Alltag klar strukturiert ist und Verantwortung nicht nur eingefordert, sondern gelebt wird, finden manche hier den Rahmen, den sie brauchen. Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft, sich darauf einzulassen.
Wer hingegen ein möglichst behütetes Umfeld oder den ausschließlichen Fokus auf akademische Spitzenleistungen sucht, wird vermutlich an einer anderen Schule glücklicher.
Und wie bereits zu Beginn erwähnt: König Charles war kein Freund seiner Zeit in Gordonstoun. Die gute Nachricht lautet also: Wer dort nicht glücklich wird, hat die Karriere zum König trotzdem nicht verspielt. Na, immerhin!


